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Kennt ihr das afrikanische Sprichwort „Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht“? Ganz simpel ausgedrückt sagt das Sprichwort doch: wir können Wachstum nicht erzwingen.

Wenn wir diese Weisheit auf den Bildungskontext anwenden ist aber ganz oft so, dass eigentlich die ganze Zeit am Gras gezogen wird. Es wird versucht Lernen zu erzwingen. Und man ist sich ganz sicher, dass man Inhalte und Kompetenzen nur methodisch und didaktisch und dann auch mit den richtigen Medien aufbereiten und vermitteln muss damit das Gegenüber etwas lernt und zwar genau das, was die Vermittler:in im Sinn hat.

Die Erkenntnisse der Bildungsforschung und Neurobiologie lässt dieses Vorstellung von Lehren und Lernen aber schon seit vielen Jahrzehnten eigentlich nicht mehr zu. Das geht bereits zurück auf die Arbeiten von John Dewey, Jean Piaget und Eric Kandel, die gezeigt haben, dass Lernen ein tiefgreifender und individueller Prozess ist, der weit über die bloße Aufnahme vorgegebener Inhalte hinausgeht. Diese Pioniere der Bildungsforschung, Entwicklungsphsychologie und Neurobiologie haben uns wertvolle Einsichten darüber gegeben, wie Lernen tatsächlich funktioniert – als ein dynamischer, kontextabhängiger und interaktiver Prozess.

Dieses Verständnis müsste nun eigentlich zu einem Paradigmenwechsel in der Pädagogik führen: Denn wir erkennen jetzt die Bedeutung der Subjektorientierung, dem Lernen als aktiven und konstruierenden und vor allem sozialen Prozess.

Aber oft haben Lernende schon als Kinder und Jugendliche etwas anderes „gelernt” und „erfahren”, nämlich

  • dass belehrt zu werden eine Voraussetzung ist um zu lernen,
  • dass Lernen in einem institutionellen und geregelten Raum stattfinden „muss“ und dass es hier meist nicht um sie selbst, sondern um eine Sache geht, die mit ihren Interessen und ihrer Selbstwirksamkeit nichts zu tun haben.
  • Und letztlich Lernen damit eine Zumutung ist, die man gerne hinter sich bringt will, damit man irgendwann auch endlich „ausgelernt“ hat.

Diese weit verbreiteten Vorstellungen und Erfahrungen stehen in krassem Gegensatz zu dem, was die moderne Bildungsforschung und Neurobiologie uns lehren. Um diesen Widerspruch zu überbrücken, müssen wir Lernen als Aneignung von bislang nicht Verstandenem und bislang nicht Gewusstem erkennen. Dann stellt Lernen nämlich eine unverwechselbare Leistung des individuellen Menschen dar. Lernen kann von Dritten allenfalls erbeten, nicht aber letztlich erzwungen werden. In der Konsequenz heißt das dann aber auch, die Vermittlungsillusion aufzugeben. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von uralten pädagogischen Vorstellungen und Machbarkeitsfantasien: davon, andere erziehen zu wollen, im anderen einen Zögling zu sehen und dessen Defizite als Lehr- und Lernanlässe zu betrachten.

Nun kann man natürlich sagen, dass Vermittlung dialogisch betrachtet werden kann. Es entsteht durch das sprachliche Bild der Übermittlung von Wissen aber eine Situation in der mehr oder weniger explizit davon ausgegangen wird, dass Lehren und Lernen linear aufeinander bezogen sind, wodurch Lehre auch weitgehend «halten kann, was sie verspricht» und im Falle ausbleibenden Lernerfolges die Lernenden dafür verantwortlich sind. Aber selbst die beste Pädagog:in kann nicht stellvertretend für die Lernenden lernen, sie kann lediglich zur Kooperation einladen. Die wirksame Aneignung des Neuen und die Anbahnung von von Kompetenzen ist ein eigener Prozess, den Lehrenden ermöglich können, indem sie das Selbstlernen ermöglichen, anregen und unterstützend begleiten.

Lehrende können Möglichkeitsräume und Bedingungen schaffen die Lernende dazu einladen sich etwas anzueignen und sie dabei zu unterstützten. Die Wirkungssicherheit dessen was man als Pädagog:in tut ist dabei nicht unbedingt gegeben. Damit muss man aber lernen zu leben. Denn dann schafft man es, dass Lernenden das werden, was sie eigentlich schon immer gewesen sind, auch wenn sie es vergessen mussten: Sie sind Eigentümer:innen ihres eigenen Lernprozesses.

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